Bewerbungsrede Listenplatz 11 zur Bundestagswahl 21

Am 27. März 2021 bin ich auf die Landesliste SH zur Bundestagswahl auf Listenplatz 11 gewählt worden. Hier nochmal meine Rede in Wort und Text.

Liebe Freund*innen,

Hinter einer langen Reihe toller Redner*innen zu sprechen, ist nicht immer leicht. Im Prinzip ist alles schon gesagt und als Mitglieder der gleichen Partei sind wir uns bei den meisten Themen auch ziemlich einig. 

Ich bin Jessica Kordouni und bin seit fast drei Jahren Fraktionsvorsitzende in der Kieler Ratsversammlung. Zu meinen bisher größten Erfolgen gehört das Ausrufen des Kieler Klimanotstands sowie die Einführung der gendergerechten Sprache in der Verwaltung. Bei den Grünen bin ich seit 2017, davor habe ich mich auf Vereinsebene ehrenamtlich engagiert. Ich bin gelernte Bankkauffrau sowie studierte Medienwissenschaftlerin und arbeite seit zehn Jahren in der Internet-Branche. Zur Zeit in einem Wissenstransfer-Projekt, das sich mit der Digitalisierung von kleinen und mittelständischen Unternehmen beschäftigt. 

Meine größten Steckenpferde sind Veränderungsprozesse und Kommunikation. Transformation ist quasi in meiner DNA. Als Medienwissenschaftlerin weiß ich, dass es oft viele Perspektiven auf ein und dieselbe Sache gibt. Darum ist Dialog einer der wichtigsten Grundsteine, um Veränderung erfolgreich voranzutreiben.

Doch dieser Dialog findet in Deutschland immer weniger statt. Die Pandemie hat dieses Problem noch verschärft. Das merken wir zum Beispiel in Kiel, wo sich Interessensgruppen ihre Meinungen über die Zeitung und die sozialen Medien um die Ohren hauen und wir schnell bei Aussagen wie “die da oben”, “Aber aber” und “die Parkplätze” landen. 

Und das ist genau das Problem, denn ohne Dialog und ohne das Anhören der verschiedenen Perspektiven, ist jede Menge Raum für Spekulation, Wut und Falschbehauptungen. Uns fehlt das Gespräch. Die Gesellschaft hat sich in ihren Filterblasen eingeigelt, in denen die eigenen Befindlichkeiten wichtiger geworden sind, als der Blick auf das gemeinsame Ganze. Wir verlernen zu debattieren, wir verlernen gegenteilige Meinungen auszuhalten und das polarisiert unsere Gesellschaft. Erst im Gespräch verstehen wir, worum es dem anderen geht, was seine eigentliche Motivation ist und wie wir uns gemeinsam dem eigentlich Ziel nähern können. 

Und hier muss auch der Staat viel tun. Das merkt man z.B. an der Öffentlichkeitsbeteiligung, unter der noch immer viel zu oft einseitige Informationspolitik verstanden wird. Viel zu formal, viel zu kompliziert und absolut einseitig. Von einem Miteinander reden kann keine Rede sein. Menschen wollen keine Anträge stellen oder Stellungnahmen abgeben, um etwas zu verändern. Menschen wollen Dinge anpacken und gemeinsam mit anderen Menschen umsetzen. Es gilt ins Gespräch zu kommen und die richtigen Kompetenzen miteinander zu vernetzen. Hier reicht ein Blick nach Skandinavien, um zu erkennen, wie Akzeptanz für den Ausbau von erneuerbaren Energien oder Verkehrswende-Themen gelingt, weil großer Wert auf Dialogprozesse und Mitgestaltung gelegt wird. Frei nach dem Motto: Macht es zu eurem Projekt.

Es ist also wichtig, gute Dialogprozesse auch auf Bundesebene zu etablieren und sie nicht durch Gesetzeslagen, Bürokratie und Förderrichtlinien zu erschweren. 

Liebe Freund*innen,

der Klimaschutz und die soziale Gerechtigkeit hängen unmittelbar mit der Veränderung unserer Wirtschaft zusammen. Die derzeitige Wirtschaftsauffassung saugt nicht nur unseren Planeten aus, sie versucht auch unseren sozialen Zusammenhalt zu zerstören. Darum brauchen wir eine umfassende Reform der Wirtschaftspolitik. 

Ich kann mich noch gut an die 2000er Jahre erinnern. Es war das Jahrzehnt, in dem sich der Neoliberalismus und das ewige Wirtschaftswachstum als Naturgesetz etabliert hatten. In diesem Jahrzehnt waren alternative Wirtschaftstheorien an den Universitäten quasi ausgerottet. Auch ich habe auf dem Wirtschaftsgymnasium damals nur ein einziges Lehrbuch vor die Nase gesetzt bekommen: “Mankiw/Taylor, die Grundzüge der Volkswirtschaftslehre.” Eine Wirtschaftstheorie, die sowohl unseren Planeten als auch unsere Gesellschaft vollkommen ausklammert. 

Und das schlimme daran, wir haben unsere ganze Volkswirtschaft nach diesen Wahrheiten ausgerichtet. Etwas unwissenschaftlicheres gibt es gar nicht. Es ist quasi eine Religion geworden, die weiterhin aus den Mündern von CDU, FDP und Teilen der SPD kommt. Man verzettelt sich in wirtschaftlichen Mantras statt den Mut aufzubringen, tief in die Strukturen zu gehen und Dinge wirklich anzupacken.

Unser Gegner*innen werden jetzt groß rumschreien und sagen, ja was denn sonst, etwa Sozialismus?

Nein, ich spreche hier von Gemeinwohlökonomie, von Donut-Ökonomie oder Quanten-Ökonomie. Ich rede von echter Kreislaufwirtschaft, die nicht nur den Joghurtbecher recycelbar macht, sondern ganze Städte, Stichwort Urban Mining. Ich spreche von transparenten Lieferketten und Gemeinwohlökonomischer Bilanzierung, an denen erkennbar wird, wie nachhaltig und sozial gerecht unsere Produkte sind. Und ich spreche auch davon, dass die Gehälter aus den sozialen Bereichen an die der Berufe aus den technischen und wirtschaftlichen Bereichen angeglichen werden müssen. Denn die Arbeit für die Gesellschaft, für Familien, für Kindern, für Menschen in schwierigen Situationen, in der Pflege, für Inklusion, für Integration, in der Bildung und der Kultur sind genauso wichtig, wie die Arbeit von Manger*innen, Ingenieur*innen oder Anwält*innen. Allen Modellen ist gemein, das sie den Planeten und den Menschen wieder in den Mittelpunkt unserer Wirtschaft stellen und es als Ökosystem begreifen.  

Die Wissenschaftler*innen wie Maja Göpel, Uwe Schneidewind und viele andere Expert*innen sitzen bereits in diversen Think-Tanks des Bundes. Für eine zukünftige Bundesregierung besteht nun die Aufgabe, dieses KnowHow in echte Politik zu verwandeln und aufzuhören, am alten System herumzufrickeln, wie an einem alten Opel. Denn das elektrische Licht ist nicht aus der Weiterentwicklung der Kerzen entstanden.

Und das wird eine Kraftanstrengung, der wir uns als Grüne stellen müssen. Die alten, hartnäckigen Wahrheiten durch neue Ideen zu ersetzen. 

Dafür brauchen wir Offenheit, Mut und sehr gute Dialogprozesse, die die konfrontative Haltung in unserer Gesellschaft auflösen. Dabei würde ich eine zukünftige Bundestagsfraktion gerne mit meinem Wissen und meiner Erfahrung unterstützen und freue mich auf eure Stimme.

Vielen Dank.

Artikel kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.