Kiel klimaneutral 2035: Was getan werden muss

Kiel hat 2019 den Climate Emergency erklärt und eine Klimaneutralität deutlich vor 2050 beschlossen. Mit dem Climate Emergency II haben wir Anfang 2021 ein Positionspapier angefordert, das darstellt, was alles getan werden muss, damit Kiel bereits 2035 klimaneutral werden kann. Dieses Papier ist nun fertig. Ich möchte euch die wichtigsten Eckpunkte hier vorstellen.

Was kann Kiel tun, um bei den Klimaschutz-Maßnahmen auf den 1,5 Grad-Pfad zu kommen? Das wollte wir konkret von der Kieler Verwaltung wissen und haben im Januar 2021 ein Papier in Auftrag gegeben, das darstellen soll, welche konkreten Maßnahmen dafür notwendig sind. Fest steht: Es muss schnell gehen. Fünfmal schneller als bisher! Fest steht aber auch: Ohne die richtigen Rahmenbedingungen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene wird weder Kiel noch andere Kommunen die Klimaziele aus eigener Kraft schaffen.

Das Emissionsbudget von Kiel ist im Jahr 2028 aufgebraucht. Die Umsetzungsgeschwindigkeit der Kieler Klimaschutz-Maßnahmen muss sich verfünffachen.

Das muss Kiel tun

Das Papier stellt sieben zentrale Schwerpunkte heraus, die so schnell wie möglich umgesetzt werden müssen, um das Jahr 2035 klimaneutral zu erreichen:

Vervierfachung der Sanierungsrate auf ca. 4 %/a
Bedeutet Sanierung von durchschnittlich ca.
o 740 EFH/ZFH (100.000 m²) pro Jahr
o 440 MFH (270.000 m²) pro Jahr

Gebäude fit machen für Wärmepumpen

Quartierssanierungskonzepte forcieren und umsetzen

Qualifizierung von Handwerksunternehmen und Berater*innen

Erhöhung der Sanierungsrate bei kommunalen Liegenschaften auf ca. 6,5 %/a

Sanierungsstrategie für eigene Liegenschaften entwickeln, Personal einstellen

Erhöhung der Sanierungsrate von Nichtwohngebäuden auf ca. 3 %/a

Vorzeitiger Austausch ineffizienter Geräte/Maschinen

Verstärkte Nutzung von Abwärmepotenzialen

Ersatz fossiler Industriekraftwerke durch Erneuerbare Energien und Power-to-Heat

Erhöhung Anteil Biomasse/Biomethan (v. a. Prozesswärme & große Heizungsanlagen)

Einstieg in Wasserstoffwirtschaft inkl. Infrastrukturaufbau

Einstieg in die Kreislaufwirtschaft

Nutzung aller gewerblichen Dachflächen für Photovoltaikanlagen, wo immer möglich

Klimaschutz-Siegel und -Netzwerke für Unternehmen

Kein Erdgas mehr in der Wärmeerzeugung

Aufbau einer zusätzlichen Verbrennungslinie für Klärschlamm

Einbindung Großwärmepumpe in die Fernwärmeerzeugung

Einbindung saisonaler Großwärmespeicher (Größenordnung z. B.
Kapazität 80 GWh, Leistung 75 MW)

Verstärkte Nutzung industrieller/gewerblicher Abwärmepotenziale

Reduzierung der Netzverluste und Effizienzsteigerung im Fernwärmenetz

Umstellung auf Niedertemperaturnetze zur einfacheren Einbindung (dezentraler) Solarthermie, Geothermie, Abwärme
und Umweltwärme

Flächendeckende kommunale Wärme-Masterpläne

Bei Heizungserneuerung kein Ersatz durch fossile Heizungssysteme

Verbot von Heizöl- & Erdgasheizungen vorziehen

(Vorzeitiger) Austausch von ca. 2.000 Heizungssystemen pro Jahr

Ausweitung Fernwärmevorranggebiete & ggf. Anschluss- und Benutzungszwang

Keine Einzelheizungen bei Neubaugebieten

Quartierslösungen: Anschluss an Fernwärme oder Aufbau Nahwärmenetze

Erhöhung des Anschlusswertes im Fernwärmenetz um ca. 20 MW/a (ohne Reduzierung durch Gebäudesanierung)

Installation von ca. 150 MWth Solarthermie (ca. 10 MWth/a)

Flächendeckende kommunale Wärme-Masterpläne

D. h. schnellerer Zubau von Photovoltaik auf 50 MWp (ca. 2,5 MWp/a)

Solardachpflicht bei Neubau & Sanierung sowie Nutzung aller kommunalen und gewerblichen Dächer

Bedachung öffentlicher Parkflächen mit Photovoltaik

Überarbeitung der Denkmalschutzrichtlinien hinsichtlich der Ermöglichung von mehr PV-Nutzung

Bau von eigenen Windparks und Freiflächen PV-Anlagen im Umland

Errichtung Kleinwindanlagen wo möglich

Ausbau Verteilnetz, um mit veränderten Stromflüssen
zurechtzukommen (Smart Grid)

Investitionskosten ca. 130 Mio. € (rd. 9 Mio. €/a)

Weitere Verringerung des Anteils des MIV am Modal Split zu Gunsten des Umweltverbundes

Erhöhen des Zieles für Anteil Radverkehr > 25 % am Modal Split

Reduzierung des privaten Fahrzeugbestandes um insges. ca. 40.000 Fahrzeuge (etwa 2.700 Fahrzeuge/Jahr weniger)

Verstärkter Ausbau von Carsharing (rd. 100 neue Carsharing-Fahrzeuge pro Jahr zum Ersatz wegfallender Fahrzeuge)

Fertigstellung der Stadtbahn (statt BRT-System aufgrund des höheren Passagierpotenzials und damit größerer Klimawirkung)

Erweiterung der Stadtbahn in die Umlandregion

Massiver Ausbau der Radinfrastruktur: Umsetzung des Ausbaus/Ertüchtigung Veloroutennetz (insges. ca. 50 km
Premiumrouten)

Weitere Erhöhung der Radverkehrsausgaben pro Kopf (z. B. auf 30 €/ Einwohner*in)

Verbesserung Fußverkehrsinfrastruktur, Umsetzung Fußwegeachsenkonzept

Erhöhung Anzahl Mobilitätstationen von derzeit ca. 5 auf 50 (d. h. 3 neue pro Jahr, idealerweise mehr)

Verstärkte „Push-Maßnahmen“ nötig (z. B. Verbot von Verbrennermotoren, Tempo 30 stadtweit)

Förderung von Verhaltensänderungen bei der Wahl der Mobilitätsform (muss mit Behauviour Marketing unetrstützt werden)

Aktive Parkraumbewirtschaftung verstärken

Nutzung des Stellplatzsatzung zur Anreizung Verzicht auf eigene private Fahrzeuge

Verstärkter Fokus in Stadt- und Verkehrsplanung auf Stadt als qualitativen Lebens- und Aufenthaltsraum

Umwidmung von Fahrspuren zu geschützten Radwegen

Autoarme/-freie Innenstadt und Stadtquartiere

Bis 2035 ca. 65.000 E-Autos (+4.300/a neu zulassen)

Aufbau ca. 4.500 öffentliche Ladepunkte, d. h. etwa 300 LP/Jahr neu zu errichten

Umrüstung aller ca. 210 ÖPNV-Busse auf 100 % elektrische Busse

Passende Infrastruktur für Kraftstoffe großer Fahrzeuge (LKW, Schifffahrt)

Alle Neubauten dürfen nur noch mit hohen Energiestandards gebaut werden und müssen fit sein für die Erzeugung erneuerbarer Energien.

Der Klimaschutz zieht umfassende Veränderungen unserer Lebenswelten und des Wirtschaftens nach sich. Unternehmen müssen bei der Transformation ihrer Geschäftsmodelle und Prozesse ähnlich wie bei der Digitalisierung unterstützt werden. Neue Mobilität und Faktoren wie Ernährung müssen den Menschen näher gebracht werden. Zudem ist es im Wandel wichtig, die Bürger*innen durch eine dialogische Öffentlichkeitsbeteiligung mitzunehmen und für den Wandel zu begeistern. Und auch die sozialen Auswirkungen der Transformation müssen aufgefangen werden.

An das Land und den Bund ergeben sich daraus folgende Forderungen:

  • Wirksame CO2-Bepreisung
  • Massiver Ausbau der Eneuerbaren Energien
  • Verschärfte Sanierungsvorgaben
  • Vorschriften bei den Technologien
  • Sicherung der Absätzmärkte für Unternehmen
  • Förderung der Kreislaufwirtschaft
  • Änderung des Verkehrsrechts
  • Verbot von Verbrennern
  • Ausbau der Lade-Infrastruktur vor allem im ländlichen Raum von SH
  • Ausbau des Nahverkehrs in Schleswig-Holstein
  • Import und Massiver Ausbau der Infrastruktur von grünem Wasserstoff und Biomethan
  • Verbot von Heizöl- und Gasheizungen vorziehen
  • Finanzielle Ausstattung der Kommunen sicherstellen
  • Förderprogramme für Unternehmen und Privatmenschen
  • Ausbildung von Handwerker:innen

Zusätzlich würde ich nennen:

  • Flächendeckende Solarpflicht
  • Nachhaltiges Bauen und maximale Energiestandards für Neubauten und Sanierung in der Landesbauverordnung
  • Unterstützung der Kommunen bei der Umsetzung von Suffizienzstrategien (vor allem bessere personelle Ausstattung für Bildung und Kommunikation sowie Bürger*innenbeteiligung)
  • Umgestaltung der Architekt*innen und Ingenieur*innen-Studiums für Nachhaltiges Bauen, Entwickeln und Mobilitätswende (insbesondere Schienenverkehr)
  • Ausweitung der Bio-Landwirtschaft
  • Schutz aller Grünflächen, Wälder und Moore
  • Konsequenter Stopp der weiteren Flächenversiegelung
  • Wirtschaftsförderung stärker auf den Umbau von klimagerechten Geschäftsmodellen und Prozessen ausrichten
  • Auffangen sozialer Auswirkungen, die mit der Transformation in Zusammenhang stehen

Positionspapier – Kiel Klimaneutral bis 2035

Vorgestellt im Innen- und Umweltausschuss der Kieler Ratsversammlung am 2. November 2021, Drucksache 0745/2021

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