#Zukunft – Transformation mit kommunalen Strategiezielen umsetzen

Anlässlich des 3. Oktobers hat die Stadt Kiel ihre strategischen Ziele auf dem Rathausmarkt ausgestellt. Strategische Ziele sind wichtig, denn durch sie wird festgelegt, auf welche Bereiche eine Kommune einen besonders hohen Fokus legen soll. Gleichzeitig sind die hochpolitisch und absolut notwendig, um die komplexen Veränderungsprozesse wie die Digitalisierung und die Klimaneutralität umzusetzen. Warum?

Transformative Gesellschaft: Megatrends und Herausforderungen

Die Welt befindet sich in einem der größten und schnellsten Veränderungsprozesse, in dem sie jemals waren. Größte Treiberin ist vor allem der technologische Fortschritt, der auf der einen Seite Megatrends wie die Digitalisierung (Nachfolgerin der Automatisierung) ausgelöst hat, aber auch Folgeschäden an Umwelt und Klima, vor allem durch die Nutzung fossiler Verbrennungstechnologien, die die Industralisierung letztendlich erst möglich gemacht haben. Auch unsere Marktwirtschaft ist Teil dieses schnellen Veränderungsprozesses, denn Unternehmen sind darauf angewiesen permanent Innovationen auf den Markt zu bringen und neue Märkte zu erschließen. Damit treiben sie den Fortschritt immer weiter voran. Auch hier gibt es natürlich eine große Schattenseite, denn zunehmend geht das wirtschaftliche Handeln zu Lasten des sozialen Zusammenhalts. Billige T-Shirts bei Primark bedeuten eben auch sklavenartige Arbeitsbedingungen für die Näher*innen aus Asien und Afrika. Ursachen, Folgen, Nutzen und Nachteile sind so eng miteinander verzahnt, dass es nicht reicht, einzelnes zu verändern. 

Auch Kiel ist diesen transformativen Prozessen unterworfen. Besonders herausstechen tun dabei die Transformationen durch die Digitalisierung und der Wandel zu einer klimaneutralen Stadt. Beide sind geprägt durch äußere Einflüsse, wobei der letztere der weitaus spannendere ist. Denn der Wandel zur klimaneutralen Stadt ist nicht nur lebensnotwendig für das Weiterbestehen der Menschen auf dem Planeten, sondern er erfordert von den Menschen eine noch nie dagewesene Geschwindigkeit bei der Veränderung ihrer Stadt und ihrer Lebensverhältnisse. Themen wie die Verkehrs- und Energiewende sind Mammutaufgaben, die ohne die Unterstützung von Land und Bund gar nicht zu bewältigen wären. Gleichzeitig ist es wichtig, auch im privaten Bereich einen Bewusstseinswechsel herbei zu führen. Dafür braucht es Akzeptanz sowie das Wissen, was jeder Mensch selbst zur Klimaneutralität beitragen kann.

Strategische Ziele: Warum wir sie brauchen

Komplexe Prozesse sind ohne strategische Ziele nicht zu gestalten. Um eine große Anzahl von Menschen dazu zu bringen, Veränderungen anzustoßen und mitzutragen, braucht es eine politische Vision sowie politisches Leadership, um den Weg dorthin zu beschreiten. Denn jede Idee ist immer nur so gut wie ihre Umsetzung. Strategische Ziele sind daher auch gleichzeitig immer hochpolitisch, denn die Zukunft entsteht dadurch, dass wir uns ein Bild davon machen, wie sie aussehen soll.

Im Prinzip kann man sich strategische Ziele wie eine Art Projektmanagement vorstellen. Wir legen fest, was wir erreichen wollen, legen die Maßnahmen fest und kontrolliert zwischendurch, wie weit wir gekommen sind und ob die beschlossenen Maßnahme funktioniert haben oder wir etwas anderes machen müssen, um das Ziel zu erreichen.

Und genau hier liegt auch der Knackpunkt der bisherigen Kieler Ziele, die 2009 festgelegt wurden. Diese lauten:

  • Soziale Stadt
  • Kreative Stadt
  • Innovative Stadt
  • Kinderfreundliche Stadt
  • Klimafreundliche Stadt

Alles ehrenwerte Ziele, für eine konkrete Zielerreichung jedoch viel zu allgemein. Die Stadt Kopenhagen ist zum Beispiel viel konkreter und hat strategische Ziele festgelegt wie: „Die Menschen sollen 20 Prozent ihrer Zeit draußen verbringen können“ oder „Die Behörden sollen niemals Nein sagen“. Allein die Formulierung dieser Ziele zeigt, dass es hier um mehr geht, als sich Ziele zu stecken, die jede x-beliebige Stadt sich hätte auch stecken können. Es geht bei strategischen Prozessen auch immer um einen Bewusstseinswechsel. Und zwar auf allen Ebenen: In der Stadtverwaltung, der Politik und den Menschen in der Stadt. Dafür müssen die Ziele anfassbar sein, also haptisch und zur Identität der Stadt passen.

Was ist die Story von Kiel?

Bei einem Workshop der Heinrich-Böll-Stiftung haben wir mit Tina Saaby Madsen aus Kopenhagen zusammengearbeitet. Es ging um die Frage, wie Kopenhagen es geschafft hat, derart progressiv zu agieren. Tina Saaby Madsen ist Architektin und sie sagt, dass wichtigste ist erstmal zu verstehen, was die Geschichte der Stadt ist. Denn die Geschichte bzw. Story ist fest verbunden mit der Identität der Stadt und ihrer Bewohner*innen. Nur wer also die Story für die Stadt kennt, der kann auch erfolgreich Veränderungsprozesse anstoßen.

Kiel ist eine Stadt, in die die Menschen zurückkehren.

Was aber ist die Geschichte von Kiel? Geschichtlich gesehen ist Kiel eng verbunden mit dem Militär, der Industrie und als Stadt der Landesregierung. Kiel ist aber auch eine Transitstadt, früher aufgrund des Militärs und der Werftarbeiter, heute eher durch die Studierenden. Kiel ist jedoch auch eine Stadt, in die die Menschen ziehen, weil es sich hier gut leben lässt, u.a. deswegen, weil hier irgendwie jede*r jede*n kennt. Mehr noch. Viele Kieler*innen haben feste Wurzeln in Kiel und kommen oft wieder zurück, selbst wenn sie jahrelang irgendwo anders gelebt haben. Dadurch bringen sie viel KnowHow von überall her nach Kiel zurück, was das hohe kreative und innovative Potenzial der Stadt ausmacht.

Silodenken auflösen: Der Schlüssel ist die Kommunikation

Ein ebenso wichtiger Aspekt für die Veränderungen in Kopenhagen war das Möglichmachen von Kommunikation und Austausch. Ähnlich wie in Kiel heute noch hat auch Kopenhagen das eigene Potenzial in der Stadtverwaltung und in der Stadtgesellschaft kaum genutzt. Das Silodenken ist ein allgemeines Problem und weit verbreitet. Durch zu viele Akteure in einer zu großen Organisation kann jede Person nur noch auf den eigenen Bereich blicken und verliert das große Ganze aus den Augen. Um dieses Silodenken aufzulösen, müssen Räume geschaffen werden, in denen sich die Menschen begegnen und austauschen können. Dafür müssen traditionelle Kommunikationsroutinen in der Verwaltung, aber auch in der Politik und zu den Bürger*innen aufgelöst und verändert werden.

Das fängt schon bei Kleinigkeiten an. Zum Beispiel indem jemand nicht mehr zu allen zuständigen Personen hinläuft, sondern zu einem gemeinsamen Meeting einlädt. Auch die Einrichtung interdisziplinärer Stellen, die die Kommunikation ermöglichen, sind denkbar. Ein gemeinsames Gespräch direkt vor Ort – zum Beispiel bei einem Bauvorhaben – mit den zuständigen Ämtern und den Betroffenen ist in den meisten Fällen fruchtbarer, als darauf zu warten, dass sich Ämter einig werden, wer eigentlich zuständig ist. Durch diese Meetings werden Probleme und Wünsche viel effektiver ausgetauscht, als in den heute üblichen Verwaltungsvorgängen.

Daten, Haushaltsplanung und KnowHow nutzen

Eine Stadt ist die Stadt der Menschen, die darin wohnen. Die Menschen vor Ort haben das beste KnowHow, denn sie sind diejenigen, die den öffentlichen Raum und die städtische Infrastruktur benutzen und dadurch genau benennen können, was fehlt, was verändert werden muss, was bleiben sollte. Kopenhagen hat sich dafür die Digitalisierung zunutze gemacht und über eine App die Bürger*innen gefragt, wo Radwege verbreitert werden sollten, wo es gefährliche Querungen gibt, wo Radwege fehlen. Dadurch ist eine umfassende Karte entstanden, mit der die Rad-Infrastruktur dann geplant werden kann.

Die Menschen vor Ort haben das beste KnowHow, denn sie kennen ihr Viertel.

Kiel hat gute Erfahrungen bei der Spielleitplanung gemacht, indem eben nicht einfach ein Spielplatz irgendwo hingesetzt wurde, sondern die Kinder und Eltern ihre Wünsche und Bedürfnisse mit einfließen lassen konnten.

Viel zu wenig wird das KnowHow der Menschen in der Stadt, aber auch dieses in der Stadtverwaltung genutzt. Das liegt natürlich auch daran, dass oft keiner weiß, dass es da ist – wo wir wieder beim Thema Kommunikation sind.

In der Kommunalpolitik müssen wir dahin, Ziele festzulegen, keine Geldbeträge.

Auch die Kommunalpolitik nutzt bisher zu wenig das Wissen ihrer Verwaltung. Das könnte z.B. durch einen Kulturwandel in der politischen Haushaltsplanung verändert werden. Statt Geld zu beantragen sollten konkrete Haushaltsziele – also Unterziele der strategischen Ziele – für das Haushaltsjahr beschlossen werden, um dann in Zusammenarbeit mit der Verwaltung an der Zielerreichung zu arbeiten. Voraussetzung ist neben der Zielsetzung ein gutes Berichtswesen, um laufend den Erfolg der Maßnahmen kontrollieren zu können, um ggf. nachzusteuern.

Zudem kann, wie oben gezeigt, auch die Erhebung und Vernetzung von Daten helfen, Wissen zu finden und zu bündeln. So können Daten dazu beitragen zu verstehen, was eigentlich vor Ort gebraucht wird und wie die Menschen ihren Stadtraum benutzen wollen.

Mindshift: Der Prozess zu strategischen Zielen ist Teil des Ziels

Ähnliche Effekte hat auch der Strategieprozess selbst. Ist er gut gemacht, dann bezieht er alle Menschen in der Stadt mit ein und hat schon während des Prozesses positive Auswirkungen. Vor dem Stadtmarkeprozess vor ein paar Jahren war Kiel zum Beispiel eher eine Stadt, die immer nur das schlechte an sich und ihrer Geschichte gesehen hat. Das hat sich nach dem Prozess wahrnehmbar positiv verändert, weil die Kieler Story für die Menschen eine positive Konnotation erhalten hat. 

Tina Saaby Madsen hat in Kopenhagen Projekten angestoßen, deren Ziel es war, die Wahrnehmung des öffentlichen Raums und der Menschen, die ihn nutzen, zu verändern. Eines davon war zum Beispiel das Projekt „Invitation“, wo es darum ging, dass Menschen den öffentlichen Raum vor ihrem Haus frei gestalten durften. Dadurch wurde die harte Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Raum durch einen Zwischenraum ergänzt, in dem privates und öffentliches ineinander übergehen. Es geht um Mindshift, Bewusstseinswechsel. Nicht die Theorie bringt Menschen dazu, Dinge anders zu denken, sondern das Tun und das Erleben des andersartigen Umgangs mit dem, was wir gewohnt sind oder für eine feste, gesellschaftliche Norm halten.

Das Tun schafft den Bewusstseinswechsel.

Die Mitarbeit an einem strategischen Prozess sowie die Festlegung von strategischen Zielen am Ende dieses Prozesses hilft also dabei, sich mit diesen Veränderungen zu identifizieren und sie durch die Mitarbeit zu eigenen und gleichzeitig zur gemeinsamen Sache zu machen.

Verantwortung der Menschen für ihre Stadt fördern

Gleichzeitig geht es um Verantwortung. Bürger*innenbeteiligung funktioniert nur, wenn sich die Menschen in der Stadt verantwortlich fühlen für ihre Stadt bzw. für ihr Viertel, ihr Quartier oder ihre Nachbarschaft. Auch hier brauchen wir einen Bewusstseinswechsel, der aktuell im Kiel durch Stadtteilfeste, Quartierskonzepte und andere Formate wie Werkstätten angestoßen wird. Denn die Bürger*innen waren es bisher gewohnt passive Empfänger*innen von politischen und amtlichen Entscheidungen zu sein. Verantwortung bedeutet dabei auch, als Bürger*in Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen. Eine Energiewende fordern, aber ein Windrad in Sichtnähe nicht akzeptieren zu wollen, das passt nicht zusammen. Eine kooperative Gesellschaft, ich nenne sie gern in Anlehnung an die Vernetzung im Internet “Community“, versucht gemeinsam die beste Lösung zu finden statt auf bloße Eigeninteresse zu schauen.

Verantwortung heißt, Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen.

Diese Stadt der Verantwortung kann erzeugt werden durch den Mut von Verwaltung und Politik, an der einen oder anderen Stelle die Kontrolle abzugeben. Und sie ist notwendig, um die Akzeptanz sowie die Umsetzung der großen transformativen Prozesse wie die der Digitalisierung und die der Klimaneutralität zu stemmen. Denn sie sind nicht nur eine Mammutaufgabe für die Kommune, sondern verändern die Art und Weise, wie wir alle zukünftig in der Stadt leben und arbeiten werden.

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